Mein Handy ist aus, seit München. Ich habe es nicht ausgeschaltet, um ihn nicht zu lesen, sondern um zu hören, ob ich es aushalte. Das Abteil ist klein, das Licht gelb, und ich habe beide Sitze für mich. Bis die Tür aufgeht.
„Platz 61?“ Der Mann hält ein Ticket hoch, als wäre es ein Beweis. Ich halte meins daneben. Dieselbe Nummer, derselbe Wagen, derselbe Zug nach Verona.
„Das ist ein Fehler“, sage ich. „Ganz sicher“, sagt er, und lächelt, als wäre es keiner. Er stellt seine Tasche ins Netz, ohne zu fragen, und setzt sich ans Fenster, ohne zu fragen.
Der Zug ruckt an. Zwölf Stunden, kein Halt, an dem ich aussteigen würde. Der Schaffner zuckt mit den Schultern, notiert etwas und geht. Der Fremde sieht mir dabei zu, wie ich versuche, wütend zu sein.
„Warum Verona?“, fragt er. „Warum nicht?“, sage ich. Er nickt, als hätte ich etwas Kluges gesagt. „Und Sie?“ Er sieht aus dem Fenster, wo die Lichter der Vorstadt vorbeiziehen. „Ich bin jemandem etwas schuldig.“ Mehr nicht.
Gegen elf holt er zwei Papierbecher aus der Tasche und eine Thermoskanne. Er hat für zwei eingepackt. „Ich packe immer für zwei“, sagt er, bevor ich fragen kann. „Gewohnheit.“ Es klingt wie eine Lüge, die er sich selbst schon oft erzählt hat.
Er reicht mir den Becher, und seine Hand bleibt einen Moment zu lang an meiner. Nicht aus Versehen. Draußen wird es schwarz, und im Fenster sehe ich uns beide, klein und hell, wie zwei Leute, die sich kennen.


