Der Aufsatz kommt zurück mit mehr Rot als Schwarz. Ich lege ihn auf den Salontisch, zwischen zwei Kundinnen, und lese ihn, während die Farbe einwirkt. Dienstag, Donnerstag, Abendgymnasium Köln, Deutsch bei Dr. Voss. Neun Monate bis zum Abitur. Ich bin neunundzwanzig und die Älteste im Kurs.
Die Randnotizen sind klein und ordentlich. „Hier weichen Sie aus.“ „Das meinen Sie nicht.“ „Sagen Sie es, wie Sie es Ihrer Kundin sagen würden.“ Er kennt meinen Beruf. Ich habe ihn im Kurs nie erwähnt.
Am Donnerstag sitze ich in der letzten Reihe. Er steht vorn, präzise, unbewegt, spricht über Kleist wie über einen Kollegen, den er nicht mag, aber respektiert. Er sieht mich einmal an, beim Wort „Verantwortung“, und sieht weg.
Nach dem Kurs bleibe ich, weil ich meine Jacke langsam anziehe. Er sortiert Blätter. „Frau Aydin.“ – „Sie kennen meinen Beruf.“ – „Ihre Hände.“ Er sieht auf sie. „Man sieht es an den Händen. Und daran, wie Sie zuhören. Friseurinnen hören besser zu als Germanisten.“
„Meisterin“, sage ich. „Friseurmeisterin.“ Er nickt, als hätte er einen Fehler in einer Fußnote korrigiert. „Entschuldigen Sie.“ Er meint es. Ich kenne Männer, die das sagen, und Männer, die es meinen, und er gehört zur zweiten Sorte, was alles schwieriger macht.
„Die Notiz auf Seite drei“, sage ich. „Das meinen Sie nicht. Woher wollen Sie wissen, was ich meine?“ Er legt die Blätter weg. „Weil Sie an dieser Stelle die Handschrift gewechselt haben. Sie wurde kleiner. Menschen schreiben kleiner, wenn sie lügen.“
Der Raum ist leer, die Neonröhren surren, und Dr. Henrik Voss sieht mich an, als wäre ich ein Text, den er zu Ende lesen will. Ich habe die Jacke jetzt an. Ich habe noch nicht die Tür.

